Alexandra Schantl

Rede zur Ausstellungseröffnung „Sabine Müller-Funk – Verdichtetes Glas”, 30. Juni 2005, St. Pölten

Der Künstlerin Sabine Müller-Funk gilt Glas, das für ihre Arbeit bevorzugte Material, als Ort der Zeitlosigkeit und Indifferenz, als Verweis auf die Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Anderen. In Kombination mit Materialien des Diesseitigen, lichtundurchlässigen, dem Prozess der Verwandlung und der Vergänglichkeit unterworfenen Materialien wie Holz, Blei, Sand, verbindet Glas auf paradoxe Weise den Wunsch nach totaler Offenlegung mit jenem nach Vereinzelung und Geschlossenheit.
Indem die Künstlerin die glatte, durchsichtige Glasoberfläche mittels Gravur bearbeitet, Linien eingräbt, entstehen Gedächtnisspuren. Die solchermaßen beschriebene Fläche wird dann mit Graphit, gewissermaßen einem Schleier des Vergessens, überzogen, der die Gravuren auffüllt und scheinbar auslöscht bis sie durch das Abziehen der Oberfläche neuerlich hervorgeholt und sichtbar gemacht werden. – Ehe im nächsten Arbeitsschritt, bei dem die Glasplatten zerbrochen und als Fragmente übereinander gelagert werden, die Gedächtnisspuren unlesbar werden.
Die Aufzeichnungsflächen werden dekonstruiert. Dadurch – so die Künstlerin – entsteht das Paradox eines unlesbaren Archivs. – Ein Akku aus Erinnerung und Lebenszeit, der mit Blei verschlossen oder durch Rahmen geordnet und gestapelt wird mit der Option, das Archiv jederzeit wieder öffnen und die darin verborgenen Informationen wieder zugänglich machen zu können. Sabine Müller-Funk hat hierfür den Ausdruck „Speicherglas” geprägt; sie spricht auch von „Resttexten”.
Auf diese Weise ist etwa eine Art Tagebuch entstanden: Journalartige Tagesaufzeichnungen der Künstlerin wurden in Fragmente zerlegt, neu zusammengestellt und übereinander gelegt, zum einen also archiviert und zum anderen unlesbar gemacht. Jeweils ein Tag wurde plombiert, d. h. mit Blei verschlossen und abgespeichert. Sieben dieser „Tagesspeicher” wurden zu einem „Wochenkasten” zusammengefasst und abgelegt. Der aus 52 „Wochenkästen” bestehende „Jahresspeicher” wiederum so zusammengestellt, dass das Wort „Zeit” ablesbar wird. Die Zeit als Phänomen wie als Begriff ist somit sichtbar in das Gesamtwerk eingeschrieben; die handschriftlichen Aufzeichnungen im Glas wirken wie eingefroren.
Gedächtnis, Erinnerung, Schrift sind also die Themen der aktuellen Arbeiten Sabine Müller-Funks. Dass sie hierfür das Medium Glas wählt, ist wohl kein Zufall:
Schließlich ist Glas von der Definition her ein amorpher Feststoff; d.h. thermodynamisch wird Glas als eingefrorene unterkühlte Flüssigkeit bezeichnet.
Auch die Erinnerung als Prozess der dynamischen Aktualisierung von Gedächtnis ist nicht etwas Gleichbleibendes, Festes, Konsistentes, sondern vielmehr etwas Flüssiges, Flüchtiges.

Man erinnert sich beispielsweise an ein und dasselbe Erlebnis – doch können – je nach Anlass und Situation – in der zeitlichen Abfolge von Erinnerungen unterschiedliche Inhalte in den Vordergrund treten. Wenngleich man sich also unterschiedlich erinnert und dadurch auch das Gedächtnis mehrdeutig wird, bedeutet das nicht, dass sich der „Gedächtnisort” selbst verflüchtigt. Das heißt, dass die unterschiedlichen Erinnerungsweisen zwar den Bezugspunkt der Erinnerung verändern bzw. verrücken, nicht aber, dass alle anderen Gedächtnisinhalte, die im Augenblick nicht erinnert werden, ausgelöscht werden. Das gilt im Grunde auch für die „Resttexte” Sabine Müller-Funks.
Erinnerung und Gedächtnis sind im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu wichtigen Denkfiguren in den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen avanciert, was sich an der Fülle von Publikationen, Symposien und Kongressen zeigt und letztlich in unmittelbarem Zusammenhang mit dem medialen Wandel, dem Übergang von der Schriftkultur zur Digitalkultur, steht.
Diese Problematik versucht Müller-Funk mit den Mitteln der Kunst und den von ihr bevorzugten Materialien zu thematisieren und transparent zu machen.
Die Ursache für die Aktualität des Themas Erinnerung könnte gewissermaßen auch die Verzweiflung darüber sein, dass Erinnern generell zunehmend schwerer wird. Verzweiflung auch über das tägliche Überangebot an Information, das es fast unmöglich macht, das wirklich Wichtige herauszufiltern bzw. es sogar verschüttet und vergessen lässt.
Das betrifft nicht nur das einzelne Individuum, sondern vielmehr auch das kollektive Gedächtnis: Geschichte, Wissen wurde aufgeschrieben, in Büchern gespeichert und über Jahrhunderte in Archiven und Bibliotheken bewahrt. Heute wird Wissen zunehmend digitalisiert, in Bits und Bytes abgerufen. Die Speicher und Archive schrumpfen und werden gigantisch zugleich. Die nachhaltige Konservierung dieser ungeheuren Datenmengen wird zum vordringlichen Problem: Informationen, die noch vor ein paar Jahren mühelos aufgerufen werden konnten, sind heute nicht mehr zu entziffern, da die Lesegeräte verschrottet und die Datenträger unbrauchbar sind. Nicht zuletzt ist die Halbwertszeit moderner Speichermedien weitgehend unbekannt und selbst die informativsten Internet-Seiten sind nicht ewig verfügbar …

(Alexandra Schantl)