Membrane des Jetzt

in: Mitschrift – Mit Schrift, Literaturedition NÖ, 2006

Gut Gasteil/Priglitz

Das Jetzt ist in der philosophischen Tradition des Okzidents der Terminus für die Bezeichnung radikaler Gegenwärtigkeit, jenes Moments, in dem Landschaft, Zeit, Reflexion und Anschauung scheinbar zeitlos ineins fallen. Die im Winkel von 120 Grad zueinander geordneten Draht-Glas-Fahnen sind transparent und spiegelnd zugleich. Und sie ermöglichen es, Raum und Zeit, das Dahinter und Davor des Spatialen und des Chronischen miteinander zu verschränken. Zugleich erzeugen sie einen Zwischenraum, einen radikalen Durchblick.
Durch die Schrift kommen die zeitlichen Dimensionen des Davor und Dahinter, des Vergangenen und des Künftigen, ins Spiel. In der Zwiesprache mit Ingeborg Bachmann und Edmond Jabés, vor allem aber mit sich selbst wird die Paradoxie der Membrane des Jetzt entfaltet. Es entsteht ein Gedächtnisraum, der sich selbst wieder aufhebt. Die Schriftwand ist in sich gebrochen, ein Insgesamt wohlgeordneter und geschichteter Fragmente. Die eingravierte Handschrift wird unlesbar. Die Signifikanten verweisen nur mehr auf sich selbst, auf die Funktion der sich im harten Material einschreibenden Gravur.
Die Buchstabenreihen verwandeln sich in bloße Zeichen, in Piktogramme. Wo die Welt unlesbar wird, entsteht der symbolische Raum des Geheimnisses, das sich dem Betrachter erschließt, indem es sich verschließt. (…)

(Wolfgang Müller-Funk in: Mitschrift – Mit Schrift, Literaturedition NÖ, 2006)

Siehe auch Membrane des Jetzt